Marcel Stawinoga
Die Geschichte des mythischen Füllers

 

Proömium

Babylon, welch glänzende Stadt. Seit meiner Geburt lebe ich nun hier, fühle mich wie ein Gefangener, wie einer unter tausenden, am falschen Ort festgehalten. Babylon, ich habe Dich gesehen. Ich habe all die Sünden gesehen. Ich habe gesehen, wie Du die Menschen blendest.

Hört! Ihr, die in Babylon lebt, auch ich unter Euch, seht Ihr nicht all das Wohlergehen, welch Fluch der Götter Euch auferlegt! Wie hoch die Mauern Babylons doch sind, verschlossenen die Tore! Unüberwindbar für Euch, Ihr die Babylon aufrechterhaltet! So endet Euer Weg vor den Mauern, dass Ihr gezwungen umzukehren. Die Eintönigkeit Eures Lebens vermag Euch nicht zu erfüllen, so wird Harmonia niemals in Babylon einkehren. Ihr, jeglichen Geistes verlassen, meinesgleichen verachtet! Ihr, die gelenkt von Babylon, hört auch Ihr meine Worte!

Ich will Euch erzählen vom Treiben in Babylon. Seht Ihr nicht, was hier geschieht?
Babylon mag vergiftet sein, doch Sodom ist verloren.
Ich, der in Babylon lebt, doch kein Babylonier ist, ich rate Euch, erklärt Sodom den Krieg, vertreibt sie aus Eurer Stadt.
So hart die Eure Strafe sein mag, so härter wird jene, welche über die Menschen Sodoms ausgesprochen wird.

Om Saraswati, Du große Muse, Du, die die Schrift erfand. Ehre Dir, die mich reich beschenkt mit Geistesblitzen, mir wohl gesonnen ist. Du reichtest mir Stift und Papier ehe ich schreiben konnte. Du gabst mir den Spiegel. Berühre meinen Stift und mein Papier; Deine schöne Stimme, Vina begleitet, möge meiner Ohren erklingen, so meine Gedanken fließen meines Mundes hinaus, klar, wie der Fluss aus der Quelle. Mein Geschenk an Dich sind meine Worte, welche ich an Dich zurückgebe.

*

Zusammenkunft

Uns offenbart sich folgendes Bild:
Geparkt vor einem Hochhaus verweilt ein Auto. Ein Blauer Pfau schreitet durch den Vorgarten. Ein Mann wuchtet einen Koffer in Richtung des Hochhauses.

Im Auto spricht der Dichtende und schreibt mit jenem Füller nieder:

»Ich bin zurück mit den meinen,
Stift und Papier.
Suche mein Glück in den Reimen,
Schriftbund in mir.«

Eine kurze Pause; alles stoppt; wie angehalten das Bild. Schließlich die Augen allein wandern nach oben, an die höchstmögliche Stelle.

»Denn auserwählt dies zu schreiben,
Euch zu unterrichten,
wenn raus erzählt, wie’s zu treiben,
solch Wunder zu dichten.«

Im Flur des Hochhauses ertönt das Geräusch der einrastenden Tür. Er schüttelt den Kopf, eilt die Treppe hinunter. Ein junger Mann: Kollision! Wut war die Botschaft die sein Gesichtsausdruck verkündete. »Ey! Kannst Du nicht aufpassen?« Treppen: Tür. »Ey! Ich rede mit Dir!« ertönt es hinter ihm. Auto.

Er wirft die Zigarettenschachtel auf die Armatur: Rauchen fügt Ihnen und den Menschen in Ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu. »Hast Du die Intention nicht verstanden?« spricht der Dichtende. »Rauchen gefährdet die Gesundheit!« fährt er fort.

Er startet das Auto und fährt den Wagen die Straße hinunter. Am Abend zuvor bog er in eine kleine Gasse ein. Vor einer Bar machte er Halt, ehe wenige Stunden später grässliche Geräusche durch das WC schallten. Er lokalisierte ihren Ursprung und öffnete die Tür der weißen Kabine. Ein junger Mann kniete gebeugt über dem Porzellan des WC-Tiefspülbeckens und erbrach.
»Junge?«
»Ich habe sie gesehen!«

*

Des Füllers Geschichte – Wie der Füller zu ihm fand

Der Museumsführer fokussierte einen Glaskasten, hielt ein, ehe er sich der Menge zuwandte:

»Es war einst geschaffen ein Füller, zu schreiben große Worte. Unzählige bedienten sich seiner, so wurde er Quelle gigantischer Werke. Er ist der erste Füller, der einzige Füller, sein Holz entstammt dem ersten Schreibwerkzeug. Es heißt seine Tinte vermag niemals zu erlischen. Jegliches Papier, welches seiner berührt wird, gesegnet ist, wahrhaftig Großes zu verkünden. Nur mit ihm vermag man wirklich Großes zu schreiben. Ohne ihn ist Schrift bloß des Geistes verlassenes Gekritzel. Ohne ihn bleibt Schrift bloß leer, ohne ihn bleibt alles klein. Manchen mag es nicht möglich sein diesen Füller zu führen. Andere versäumen – obgleich bereits angelegt – sich seiner zu bedienen. Dieser Füller ist so alt wie die Schrift selbst.«

Noch den Füller bewundernd schaute er in das Gesicht seines Gegenübers. Nicht verstehend schaute es drein. Der Mund öffnete sich: »Aha. Und wo hast Du den her?«
»Ich habe das in ganz großer Kinomanier gemacht. Ich bin auf’s Dach rauf.«

»Wie ist der Einbrecher in das Museum gelangt?« frug der Polizist.
»Ich habe alles auf Video. Dieser Hund hat unseren Notausgang mit einem Brecheisen aufgestemmt.«

»Dann habe ich mich von oben durch eine Dachluke abgeseilt. Am Boden angekommen, gelangte ich durch eine Vorwärtsrolle in eine sichere Ecke…«

»Er schlich wie ein Trottel den Flur entlang, hat einen Purzelbaum gemacht.«

»…als plötzlich der Alarm losging.«

»Natürlich ging der Alarm los.«

»Schnell zog ich meinen Bohrschrauber aus der Tasche und setzte den Diamantbohrkopf auf, mit welchem ich ein großes Loch in das Panzersicherheitsglas des Museumsschaukastens bohrte.«

»Hastig schaute er sich um und ergriff eine circa zweitausend Jahre alte römische Lanze, mit welcher er den Schaukasten zertrümmerte.«
»Wie verschwand er aus dem Museum?« frug der Polizist.

Erneut schaute er in das Gesicht seines Gegenübers. Die Oberlippe dieses wanderte Richtung Nase, so dass er die Schneidezähne seines Gesprächspartners sehen konnte: »Wie bist Du da raus gekommen?«

»Na da wo er auch rein kam: Durch den Notausgang.«

»Ich warf meinen Enterhacken durch die offene Luke am Dach und kletterte hinauf.«
Nun bildete der Mund seines Gegenübers ein O: »Oh.«

*

Im Land der tausend Musen (motus)

Der Füller offenbarte ihm ein Land, welches er sich in seinen kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können.

»Danke Saraswati, Du hast mich nicht vergessen. Selbst in endlos scheinender Trägheit, wagtest Du es mit einen Kuss zu schenken. Auch jetzt bist Du hier, meinen Stift und mein Papier berührend. Mein Geschenk an Dich sind diese Worte. Möge Deine Vina meiner Ohren erklingen.«

Er trank einen weiteren Schluck Soma und berührte den Füller. Der Ruf des Pfaus ertönte. Ein weißer Schwan startete. Vom Frühling geküsste Luft durchdrang seine Nase, seine Sinne verführend. Blühende Blumen umgaben ihn. Mehr als hundert  Vögel, an Farben prächtig, sangen mehr als hundert Lieder in wunderschönsten Tönen. Kriech- und Flattertiere in den bezauberndsten Farben kokettierten seiner Augen. Er erblickte die schönsten Berge, die klarsten Seen und die dichtesten Wälder, die buntesten Wiesen. Die Sonne strahlte auf ihn herab.
Er sah Bienen von Blüte zu Blüte schweben, erblickte Zuckerrohr, sah einen Fisch in einem der unzähligen Bäche und einen grünen Papageien auf einem Ast Platz nehmen.
Er setzte den Füller an und schrieb in Erinnerungen an Erlebtes und Gedachtes verweilend.

Da erschien Kama.
»Du bist mir der Liebste aller.« sprach der Gott. »In Dich fühle ich mich wiedergeboren.«

»Ich lebe für die Liebe. Sie ist mir eingehaucht, so dass ich alles liebe. Die Liebe erfüllt mich in jeder Stelle meines Körpers, in jedem Haar, in jeder Pore – tief in meinem Herzen, tief in meiner Seele.«

Darauf der Gott: »Das ist wahr. Deine Liebe ist unendlich. Du lebst nur für sie, sie ist der Grund Deines Lebens; sie ist der Grund Deiner Existenz; sie beherrscht Dich. Schreibe nun von der Liebe. Doch hüte Dich vor den Apsaras, die welche Indra schickt, sie reichen Dir Soma und lenken Dich ab.«

*

Dreizehn-Sekunden-Bonobo-Stressreduktionspornografie (pigresco)

Dunkelheit. Er öffnete seine Augen. Er war irritiert, da ihm Erinnerung fehlte; doch stellte er fest, dass er sich in seinem Bett befand. Er erhob sich und spürte ein Stechen tief in seinem Schädel und ein Gefühl der Übelkeit in seiner Bauchgegend.
Nachdem er vom Bäcker zurückgekehrt war, fühlte er sich noch immer nicht lebendig. Doch wollte er schreiben, denn es gab viel zu schreiben; so begab er sich zu seinem Schreibplatz, ergriff Zettel und Stift.
Die Sekunden vergingen, ehe aus ihnen Minuten wurden.
Vor seiner ein leeres Blatt. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Er dachte an Pornografie und seinen Phallus, doch er wollte schreiben. Da kam ein Moment, in welchem jener Drang zu befriedigen seinen Trieb, Überhand nahm. »Das ist normal bei Bonobos.« sagte der Zooführer. »Bonobos bauen Spannungen und Stress innerhalb der Gruppe durch sexuelle Interaktionen ab.« erklärte er weiter.
»Das sollten wir auch einführen.« fügte ein junger Mann, welcher der Zooführung angehörte, dem Gesagten hinzu. Die Gruppe lachte. Der Zooführer grinste. »Dieses Vergnügen dauert laut Literatur bei Bonobos allerdings lediglich dreizehn Sekunden.« Er hatte jenen Drang gestillt, doch auch die Musen vertrieben.

Dusche. Füller, Papier.

Ich befinde mich inmitten eines Krieges. Ich berichte von der Front; unmittelbar aus der Höhle des Löwen. Viele hier in B. wissen nicht des Krieges, in welchem sie sich befinden. Sie sind alle des B.s und des S.s vergiftet. Ich habe mich verlaufen in einem Wald voller Würgefeigen.

*

Babylon, Reich der lebenden Toten - Vom Babylonisch-Sodomschen Krieg

Vom Kopf abwärts wanderte sein Blick, ehe er die Brüste fixierte. Die geformten Brustwarzen zeichneten sich durch das Oberteil ab. Man hätte durchaus annehmen können, diese Brüste gehörten einem weiblichen Wesen. In einem kurzen Augenblick hatte er das Gesamtbild eingefangen: Männlich, 120 Kilogramm.

»Ja, der Typ hat ein größeres Gesäuge als jede Milchkuh kurz vor dem Kalben.«

Ein Moment des Schweigens.

»Willkommen in Babylon.«

»Babylon?«

»Ja, Du bist in Babylon. Sünde, wo Du nur hinschaust: Arroganz, Geiz, Wollust, Wut, Völlerei, Neid, Ignoranz; die Menschen geben sich gänzlich dem Genuss her – sie sind ihrer Geister verlassen.«

Lasst das Marionettenspiel beginnen!

Seelenlos schlenzte ein Mann über einen Parkplatz, gebeugt der Gang. Ausdruck hatte sein Gesicht verlassen, leer der Blick, blass die Haut, rot wirkten die Augen. Als er die Frau erblickte, hatte er sein Ziel vor Augen, hob beide Arme und lief auf sie zu. Wenig menschlich sah er noch aus. Rhetorische Funktionen schienen eingeschränkt: »tchen, bitte!«
»Wie bitte?« sprach die Frau hinter dem Tresen.
Er stützte sich mit beiden Händen auf diesen und konzentrierte sich folgende Worte auszusprechen: »Drei Brötchen, bitte.«
Kurze Zeit später drehte er sich um, in der rechten Hand einen Beutel mit zwei Brötchen haltend. Sie passierte den Zombie und bestellte sechs Brötchen.
›Wo bleibt die bloß mit den Brötchen?‹ dachte er und nahm die Eier mit einem Löffel – eines nachdem anderen - aus dem kochenden Wasser. Als sein Blick das Aquarium streifte, entdeckte er dort einen toten Roten Neon. Der Blick hielt inne. »Diese beschissenen Fische halten auch nichts aus!« fluchte er. »Gestern gekauft, heute tot!« Der Gesang des Kanarienvogels ertönte. Der Vogel sang ein gerolltes „r“ und hängte ein „ü“ dran. »Du scheiß Vogel!« schrie er und warf einen Apfel gegen den runden grünen Käfig. Augenblicklich beendete der Vogel sein Lied. Sie hatte abgewartet bis das Lied zu Ende war, zog den Schlüssel aus dem Zündschloss, ergriff die Brötchentüte und ließ das Auto hinter sich. Er lief ins Wohnzimmer und stellte den Fernseher lauter; sie stand vor der Wohnungstür, den Schlüssel in diese mit der rechten Hand eingesteckt, verweilend. Eine laute Stimme dröhnte an der Tür vorbei. Das Fernsehgerät schien Ursprung dieser zu sein. Sie drehte ihre Hand nach links, hielt einen Moment gegen und die Tür öffnete nach innen.
Die Stimme: »…im Blätterdach. Orang-Utans sind die größten auf Bäumen lebenden Tiere.«
»Was ziehst Du Dir denn da rein?« Dies aussprechend führte sie eine Zigarette zwischen ihre Lippen. Ihre Lippen umrundeten ihn gänzlich. Mister Universum liebte es, wenn sie ihn auf diese Weise umrundeten. Aber er liebte noch mehr, dass sie ihren Würgereflex abtrainiert hatte. Sie liebkoste seinen Phallus mit ihren Lippen und ihrer Zunge, ehe sie mit dem Aussaugen der Mangofrucht begann. Hierbei führt sie den Phallus bis zur Hälfte seiner Größe in ihren Mund und saugt kräftig an ihm. »Mister Universum wird gleich das Weltall neu erschaffen!« schrie er und sie fuhr mit der achten Praktik des Mundkoitus fort.
All dies ist lange her. Heute kannte er so etwas nur noch aus dem Internet. Eine Flamme; ihre Lippen zogen an der Zigarette. Feuerzeug und Zigaretten flogen auf den Tisch. »Was guckst Du da?«
Da sprach die Stimme: »Ein ausgewachsenes Männchen kann bis zu neunzig Kilogramm wiegen.«
Da sprach er: »Orang-Utans.«
Sie: »Orang-Utans?«
Er: »Auf Borneo…«
Stimme: »Während der Paarung…«
Er: »…habe ich sie kennen gelernt.«
Stimme: »…die Weibchen…«
Er: »Ich liebte sie!«
Sie: »Was macht das Baby?«
Er: »Dem geht es gut. Es schläft.«
Sie: »Schön. Heute Abend geht es in die Disco, mein Schatz. Wann kommt der Babysitter?«
Er: »Keine Ahnung. Können wir endlich frühstücken? Ich hole die Eier.« Plötzlich – blitzschnell – öffnete die Tür, sie wurden ergriffen, verschleppt, schließlich in einer Kammer zusammengepfercht; zu so vielen, dass niemand mehr hineingepasst hätte. Dicht aneinander gedrängt standen sie nun dort, verängstigt, fürchtend das, was da kommen mag. In der Kammer Decke wurde ein Ventil geöffnet. Ein zischendes Geräusch ertönte. Panik. Sie rannten zu den Wänden, überrannten sich gegenseitig; die ersten lagen am Boden, der anderen zertrampelt. Todbringendes Gas verdrängte die Luft, jene, welche wir zum Leben benötigen. Das Gas erreichte ihre Lungen; sie atmeten schneller, wurden schwächer. Dann wurden ihre Augen schwer, ihr Leben entwich ihren Körpern; sie vermochten nicht mehr ihr Leben festzuhalten. Der Boden der Kammer war übersät mit leblosen gelben Körpern. Man öffnete die Kammer und warf die toten Küken in einen Karton. Er schälte ein Frühstücksei, schnitt es in sechs Scheiben und legte diese auf die eine Brötchenhälfte.

*

Töchterschau

Er nahm grüne, gelbe, blaue und rote Lichter wahr und spürte den Bass. Doch konzentrierte er sich auf das wesentliche, die Töchterschau:

Jene mit Wurzeln im fernen Griechenland waren gekommen, Töchter der Aphrodite; rein ihre Haut, weiblich geformt ihre Rundungen.
Mit langen Beinen waren da die skandinavischen Mädchen, hell ihre Haut, mit blauen Augen; Töchter der Freya.
Von zierlicher Statur, sonnengebräunt mit langem schwarzem Haar waren da die Töchter der Venus, aus der Gegend südlich der Alpen.
Die Slawischen Töchter der Lada waren da, verstanden es ihre Weiblichkeit zu betonen.
Aus dem Südosten Asiens sandte Kinnari ihre Töchter. Sie unterschieden sich am stärksten von all den anderen durch ihre Haut und ihre Augen.
Auch die Töchter der Ischtar waren da, aus den Ländereien Mesopotamiens, das zwischen den zwei Flüssen, sie waren die hochnäsigsten aller Töchter. Doch vermag ich nicht zu sagen, welche die Schönsten waren.

Und während die göttlichen Mütter stritten, welche Töchter die Schönsten seien, suchte er in den Gesichtern der Mädchen nach dem einen Moment und trank einen weiteren Schluck Soma. Er spürte wie der Zauber jenes Getränks seinen Kopf erreichte. Jeden Schluck spürte er nun deutlich. Deutlich spürte er Euphorie in sich aufkommen, während sein Geist langsam zu schlafen begann.

»…doch manchmal gefällt es mir mich zu berauschen. Das beflügelt mich und nur so kann ich meinen Kopf abschalten und meiner Gedanken entfliehen.«

Er trank Soma, als sei es die Luft, welche er zu atmen brauchte. Nur so konnte er frei sein; nur so konnte er bloß da sein. Manchmal wünschte er sich wie die anderen zu sein, eine Marionette in diesem Puppenspiel. Er war ein Freigeist, der nicht frei war. Er war ein Knecht seiner Gedanken, gefangen in seinem Kopf; nur im Rausch schliefen seine Gedanken.
Euphorisch sah er auf und war wohl empfänglich für weibliche Reize, inmitten der Tanzfläche, wo sich alles bewegte. Knapp waren die Mädchen bekleidet und er betrachtete ihre Rundungen. Er hielt wie immer den Spiegel in der linken Hand, von sich wegzeigend, so dass sie ihr eigenes Treiben hätten sehen können, doch sie sahen es nicht. Auf einem Balken über der Theke sitzend sah er einen grünen Papagei. Er nahm einen weiteren Schluck Soma und noch einen weiteren und noch einen weiteren; und wo er hinsah, da sah er Brüste. Er sah Apfelbrüste, Birnenbrüste, Melonenbrüste, Kugelbrüste, Knospenbrüste, hängende Kugelbrüste, hängende Kegelbrüste und hängende Walzenbrüste, reife Brüste, Schalenbrüste, Pralle Brüste, sinkende Brüste. Er betrachtete die üppig geformten, schaute auf Brustwarzen und Warzenhöfe; er bestellte ein weiteres Glas beim Barmann.

»Als die Menschen den aufrechten Gang erlernten und somit zur Missionarsstellung übergingen, verlagerte sich der, die Männchen sexuell anregende Reizpunkt, vom weiblichen Hinterteil auf die Brüste.« so der Mann hinter dem Tresen.

Er leerte das Glas. Vogelperspektive: Fortan betrachtete er das Treiben von oben herab. Er sah wie er das Glas von den Lippen fortführte und es auf der Theke abstellte. Er wirkte unsicher auf den Beinen, sah einen Mann vor sich, welcher ihn anzuschreien schien, sehr verärgert wirkte. Doch vermochte er den Klang seiner Worte dort oben nicht einzufangen. Zwischen den Menschen sah er einen Schakal schleichen. Der Mann vor ihm holte zum Schlag aus.
Er spürte Schmerz im Gesicht. Ich-Perspektive: Faust: Gesicht, Faust: Gesicht, Faust: Gesicht. Zeitlupenmodus: Er sah die Faust auf sein Gesicht zu kommen, knickte seinen Hals nach rechts und führte seinen Kopf Richtung Schulter; er spürte die verdrängte Luft, der an seinem Kopf vorbeigehenden Faust. Nun war der Moment eines Konters günstig. Er entschied sich für die innere Kampfkunst des Taijiquan aus den daoistischen Klöstern im Wudan-Gebirge und suchte das Qi: Er war ein weißer Kranich; vor sich sah er die Schlange. Er hielt den Kopf aufrecht, um seinen Geist zu entfalten. Er entspannte die Ellenbogen, da sich auf diese Weise die Schultern senkten. Er lockerte Brust und Rücken. Faust: Gesicht. Er stand nun wackelig auf den Beinen. Da sah er Kama auf dem Tresen stehen; gleich unter dem Balken, auf welchem der grüne Papagei ruhte. In der linken Hand hielt der göttliche Schütze seinen Bogen aus Zuckerrohr, mit der rechten hielt er die Sehne gespannt und einen Blüten geschmückten Pfeil angelegt, auf ihn gerichtet. Er glaubte das Summen der Sehne wahrzunehmen, da diese aus Bienen bestand. Der Papagei flog los, der göttliche Kama löste den Pfeil. Der Blütenpfeil traf ihn dort, wo sein Herz war. Er, der Getroffene, fasste an jene Stelle, wo er des Pfeiles durchbohrt. Über die Innenfläche seiner Hand spürte er deutlich den Rhythmus seines Herzens.  In seinem göttlichen Geschick schoss Kama auch seine vier weiteren Pfeile ab – alle trafen das Herz – ehe der Getroffene das Gleichgewicht verlor und nach hinten fiel.
Es war im Fall, da erblickte er kopfüber die Tür. Froschperspektive: Fortan betrachtete er das Treiben von unten hinauf. Sein Blick galt noch immer der Tür. Eine schwarze Frau mit vier Armen stand dort, im Rahmen, das Geschehen betrachtend. In der rechten hinteren Hand hielt sie eine drohend erhobene Sichel, in der linken hinteren Hand eine Schale, während sie die vordere rechte Hand erhoben hatte, gleich einem Gruß, und er fürchtete sich nicht.
Dann schritt die schwarze Frau aus dem Türrahmen. Noch tanzten, redeten, amüsierten sich alle, da fuhr die drohend erhobene Sichel hinab, trennte den Kopf eines Tänzers vom Leib. Im hohen Bogen flog der Kopf durch den Raum. Blut schoss Meter in die Höhe, aus dem noch stehenden Körper, dort wo zuvor der Kopf war. Die Frau sprang einen Satz nach vorne und kostete vom Blut. Alle schrien auf, rannten in Panik - wie Hühner, auf der Flucht vor dem Schlachter, nicht gefangen zu werden, wissend was da kommt – doch war die einzige Tür verschlossen. Sie sprang in die Menge, hob die Sichel, senkte die Sichel; Köpfe flogen durch die Luft und auch Arme. Die enthaupteten Körper standen noch einige Zeit lang aufrecht und aus ihnen schossen Fontänen von Blut in die Höhe. In wilder Raserei, des Blutes berauscht, tötete sie alle.
Nachdem offensichtlich alle tot waren, tanzte sie triumphierend auf den Leichen durch den Raum. Als sie schließlich auf ihm tanzte und ihn erblickte, wirkte sie erschrocken. Er sah sie an. Sie hatte sich aus den Schädeln der Toten eine Halskette gemacht und aus den abgeschlagenen Armen einen Rock. In der vorderen linken Hand hielt sie einen abgetrennten Kopf. An ihrem rechten Ohr hing ein toter Säugling. Wie gebannt sah sie ihn eine Zeit lang an und streckte dann die Zunge weit heraus. Dort endete seine Erinnerung.

*

Die Liebe zu ihren Gedanken und die letzten Tage in Babylon

So vergingen die Tage in Babylon und er hatte jenen alten Pfad verlassen und vergessen, als sie ihn in diesen Tagen rettet.

Er lässt den Wagen anhalten und verlässt das Gefährt eilig, hoffend sie hat ihm erneut eine Nachricht hinterlegt und ja, es ist so. Ihre Worte zu lesen erfüllt ihn mit großer Freude, so gibt er sich diesem Gedankenaustausch völlig hin. Denn er liebt ihre Gedanken und ihre Art die Dinge zu verstehen. Nach zehn Worten hatte er sie gemocht, nach hundert Worten war er begeistert, nach tausend Worten war er verliebt und nun nach mehr als zehntausend Worten hat er noch immer nicht genug. Er hatte von der babylonisch-sodomschen Front berichtet und sie hatte ihm Hoffnung gegeben, ihn  getadelt, ihn daran erinnert, wie er sein sollte. Und er hatte sich ihr geöffnet. Er hatte ihr seine Seele gezeigt. Und fortan – da er sie nun kennt – berauscht er sich nicht mehr am Getränk, da sie allein ihn genug berauscht. So wurde sie zum Herzschlag seiner Gedanken, zum Klang seiner Worte. Er hat die Trägheit besiegt.
Lange hielt er jenen Füller versteckt, doch nun setzt er ihn wieder an und seine Tinte ist nicht erloschen, denn so lässt sie ihn dieses zu Papier bringen: ῾Meiner Inspiration gewidmet, ohne die es diese Worte nicht geben würde. Danke dafür, Du verrücktes Mädchen.῾

Er kann nun Babylon hinter sich lassen. Er schaut auf die Wachtel und den bunten Estrild, die beide der Liebe Lieder singen, als kennten sie die Melodie seines Herzens. Er ergreift jenen Füller, Papier und den Spiegel; so bricht er auf, der Wachtel und des Estrildes begleitet. Er verlässt das Haus, läuft die Wege Babylons entlang, welche ihn zu den großen Toren dieser prächtigen Stadt führen. Auch durch Sodom läuft er; der Krieg ist ja vorüber. Er hatte alles zerstört und nun beginnt es von Neuem. Die Sonne strahlt auf ihn herab und er genießt dies, er liebt es, strahlt die Sonne ihn so an. Tief atmet er ein, die Liebe, welche alles umgibt und allgegenwärtig ist, so auch die Schönheit und das Glück. Es ist jene selbe Schönheit, die des Tausend-Musen-Landes. Er schaut einen Baum an und denkt, schön, dass es Dich gibt Baum. Schön, dass es alles gibt, all die Tiere, all die Pflanzen. Da sieht er den Arzt mit seinem schweren Koffer, die Mutter und den Vater des gestorbenen Säuglings, die er auch während des Massakers auf der Feierlichkeit gesehen hatte, er sieht den dicken Mann, er sieht die Bäckersfrau, er sieht den Barmann und all die Töchter und bemerkt, dass sie es alle an sich haben, jene Schönheit, jenes, was man das Göttliche nennt, das, was alles umgibt, was alles ist. Er erkennt, dass sie gar keine Marionetten sind, dass sie alle gleich sind; niemand ist besser, niemand ist schlechter; alles ist göttlich. Und er ist dankbar, dass sie da sind, dass alles da ist. Alles hat seinen Grund und dies wird immer so sein. Da kommt ihm der Spiegel in den Sinn, den er in der linken Hand hält, stets von sich wegzeigend. Er dreht den Spiegel und sieht hinein und ich sehe mich. Denn ich bin er und ich sage Euch, ich verlasse nun die vertrauten Wege Babylons und all die Liebe der fünf Blütenpfeile trage ich in meinem Herzen und ich werde sie zu ihr bringen, die zu lieben ich lebe. Ein Haus will ich uns bauen und sie lieben und auch unsere noch ungeborenen Kinder lieben. Ihnen zu Ehren will ich Geld anhäufen und zu Ruhm gelangen. Einen weiten Weg habe ich zu gehen, doch am Ende des Weges wartet sie, diese Prinzessin unter den Menschen.

Danke Saraswati.