Marcel Stawinoga
Der Weg des Paracheirodon
Es war einmal ein rot-blauer Fisch. Er schwamm vom schwarzen Fluss – wo seine Heimat war – bis in das Meer, da er die Liebe suchte. Er hatte gehört im Meer da sollten die schönsten Fischfrauen wohnen. So schwamm er und schwamm er; vorbei an bunten und farbenprächtigen Fischen, an Fischen, die ganz platt waren wie eine Scheibe und an Tieren, die keine Wirbel hatten. Er passierte Fische mit scharfen Zähnen, er sah sogar einen, welcher bestimmt achtzig Mal so lang war wie er selbst. Und als er beinahe das Meer erreicht hatte, da erblickte er sogar Fische, die schienen vier Augen zu haben. Er hatte über tausend verschiedene Fische gezählt und viele andere Tiere. Als dann schließlich das Wasser begann mehr und mehr salzig zu schmecken, da erblickte er die Fischfrau, für die er einst aufgebrochen war. Sie war beinahe ganz rund und besaß sechs schön geformte schwarzfarbene Flecken auf sandfarbenem Grund. Sie bewegte ihre Flossen sehr schnell und schwirrte so durch das Wasser, auf und ab, vor und zurück. Ihr Mund war spitz geformt wie ein Schnabel, als wollte er sie zu einem Kuss verführen.
Er grüßte sie alle Fröhlichkeit sein Herz hinaussprudelnd, da ihr Anblick Quelle dieser Freude war: »Ich heiße Paracheirodon aus dem schwarzen Fluss. Ich grüße Dich und freue mich Dich gefunden zu haben.«
»Ich grüße Dich Paracheirodon aus dem schwarzen Fluss; ich bin Tetraodontidae aus dem Delta, da wo der Fluss das Meer küsst.« sie lächelte und so sah er ihre vier Zähne.
»Du bist all den Weg geschwommen nur um mich zu finden?«
»Ich habe Dich in meinen Träumen gesehen und auf meinem Weg hier hin, da habe ich mehr als tausend Fische gesehen, aber Du bist der schönste Fisch, den ich jemals erblickte. Ich will nie wieder aufhören Dich anzuschauen.«
»Das ehrt mich sehr, doch überlege, könnte eine Schlange sich mit einer Schildkröte einlassen? Oder ein Otter mit einem Wasserschwein? Ein Ibis mit einem Papagei?«
»Gewiss nicht; da hast Du wohl Recht. Aber jetzt, da ich Dich gesehen habe, will ich nie wieder aufhören an Dich zu denken.«
»Du schmeichelst mir sehr, kleiner rot-blauer Fisch. Schwimm nun zurück zu Deinem Schwarm, doch nimm dich in Acht vor den Schnäbeln der Vögel, vor den Mäulern der Rochen und achte vor allem auf die Kescher der Menschen.«
Und einen Flossenschlag später, da erwachte unser Held tatsächlich aus seinem Traum.
Er war unter den Seinen, in seinem Schwarm und es dämmerte, die ersten Sonnenstrahlen durchdrangen die Dunkelheit des Wassers. Sie verstellten ihre feinen Leuchtbalken in ihren blauen Leuchtstreifen, so warfen sie das Licht zurück und sie leuchteten, blau auf rotem Grund. Unser Freund sah sie alle; er war zu Hause; es war ein neuer Tag angebrochen. Er öffnete sein Maul und wunderbares weiches Wasser von Süße nach Torf schmeckend strömte in seinen Mund – er schloss sein Maul und das Wasser floss durch die Kiemen wieder nach außen. So atmete er, so gelangte er an Sauerstoff.
Er schwamm dicht über dem Boden, mit all den anderen, durch die Pflanzen, zwischen Ästen hindurch, auf der Suche nach etwas zu Essen. Der Boden war an einigen Stellen dicht bepflanzt und an anderen, da konnte er den feinen Sand sehen. Sie schwammen zusammen, sie gehörten zusammen. Kescher!
Von oben war ein Kescher ins Wasser geschnellt und hatte sie erwischt, gefangen, dem schwarzen Fluss entnommen.
Behälter. Für lange Zeit war es dunkel. Es passierte Vieles in vielen Tagen; sie wechselten von diesem Behälter in diesen und von diesem in diesen. Sie wurden in eine Tüte gepackt; sie kamen in ein Aquarium.
Das Wasser schmeckte anders als im schwarzen Fluss, es fühlte sich anders an, es sah anders aus, das Licht war nicht gleich. Es gab keine Pflanzen und auch keinen Sand. Es gab wenig Platz und auch kein Versteck.
Dann betrat Nescia Q. gemeinsam mit ihrem Freund das Tiergeschäft. Es war ihr Geburtstag und sie hatte von ihm ein Aquarium geschenkt bekommen. Nun galt es noch einige Fische dafür auszusuchen.
»Ich möchte den.«
»Gut, einmal den bitte.«
»Den auch.«
»Ja, den auch.«
»Den Rot-Blauen da auch.«
»Vertragen die sich denn alle?«
»Ja klar.« sprach der Zoofachverkäufer.
Da schnellte wieder ein Kescher ins Wasser, in unmittelbarer Nähe Paracheirodons. Alle schwammen davon, drifteten auseinander. Panik. Da erwischte der Kescher einen von ihnen.
»Nein, ich will den da.« So landete der tapfere Paracheirodon erneut in einer Tüte. 99 Cent wurde mit einem schwarzen Stift darauf geschrieben, dann wurde die Tüte in Zeitungspapier eingerollt. Dunkelheit.
Und dann geschah etwas, dass unser Held sich wohl hätte nicht erträumen können.
Es war eine gewisse Zeit vergangen. Tüte weg; samt Inhalt in das neue Aquarium. Grässliches Wasser. Paracheirodon fühlte sich sehr unwohl; sein Körper war geschwächt. Er vermisste die Süße des weichen Wassers aus dem schwarzen Fluss. Er vermisste den Geschmack von Torf. Er vermisste die blauen Leuchtreifen der anderen. Er war allein.
Es waren andere Fische da, doch mit ihnen wusste er nichts anzufangen. Auch manchen von ihnen schien es sehr schlecht zu gehen und er selbst hatte wirklich Schwierigkeiten das Wasser durch seine Kiemen fließen zu lassen. Es war kein schöner Ort und es gab keinen Sand und nur wenige Pflanzen und denen schien es auch nicht gut zu gehen. Überall am Grund lagen Steine und verwaiste Schneckenpanzer. Doch da bemerkte er, dass der eine Stein gar kein Stein war. Es war Tetraodontidae, die von oben aussah wie ein Stein, mit ihren sechs schwarzfarbene Flecken auf sandfarbenem Grund.
Dies erheiterte sein Herz und er grüßte sie erneut alle Fröhlichkeit sein Herz hinaussprudelnd, da ihr Antreffen hier Quelle dieser Freude war: »Hallo Tetraodontidae, ich grüße Dich und bin froh Dich an diesem seltsamen Ort zu treffen.«
Sie schwebte auf seine Höhe hinauf, doch nicht mit jener leichtflössigen Eleganz die er erwartet hatte und als sie sich ihm zugewandt hatte, da erschreckte er: Ihre vier Zähne waren ganz lang geworden, sie konnte ihren Mund kaum noch öffnen und sprach des Geistes beinahe gänzlich beraubt. »Hallo Du kleiner rot-blauer Fisch, wie kannst Du froh sein an diesem Ort jemanden zu treffen?«
»Warum sind denn Deine Zähne so lang? Du kannst Deinen Mund ja kaum noch öffnen.«
»Weißt Du, als ich hier eintraf, da gab es hier mehr Schnecken an den Scheiben als Steine am Boden. Das ist lange her. Ich esse Schnecken musst Du wissen. Ich esse nicht nur Schnecken, aber ich muss Schnecken essen.«
»Wieso das denn?«
»Weißt Du, meine Zähne wachsen mein Leben lang, damit ich Schnecken und andere Schalenweichtiere knacken kann. Wenn ich nicht bald eine Schnecke, oder eine Muschel oder ein anderes Schalenweichtier finde, dann…« Sie unterbrach sich selbst: »Ich habe lange nichts gegessen.«
»Oh nein. Ich werde Dir welche suchen. Ich werde so weit schwimmen, wie mich meine Flossen bringen.«
»Es wird hier nicht an Deinen Flossen scheitern, mein Freund. Da ist eine Scheibe, da und da und da auch. Siehe, sie bringen Futter.«
»Was ist das?«
»Das sind Mückenlarven.«
»Die gibt es im schwarzen Fluss nicht.«
»Einiges gibt es hier, das es im schwarzen Fluss nicht gibt und Einiges gibt es nicht, das es dort gibt. Auch das Wasser macht mir zu schaffen. Da wo ich herkomme, ist es so schön salzig, da wo der Fluss das Meer küsst, wo die Fische mit den vier Augen leben da gehöre ich hin.«
So verging etwas Zeit und Paracheirodon bemerkte, dass das Wasser ihm zunehmend und zunehmend zu schaffen machte und auch all die Strapazen auf seinem Weg bis hier hin hatten ihm viel seiner Lebenskraft geraubt; er konnte kaum noch schwimmen. Irgendwann wurde die Beleuchtung des Aquariums ausgeschaltet.
Der nächste Morgen. Wir ändern unseren Blickwinkel und legen unser Augenmerk nun auf den, der gestern gemeinsam mit Nescia Q. das Tiergeschäft betreten hatte.
Als sein Blick das Aquarium streifte, entdeckte er dort einen toten Roten Neon. Der Blick hielt inne. »Diese (ich zensiere ein Adjektiv an dieser Stelle) Fische halten auch nichts aus!« fluchte er. »Gestern gekauft, heute tot!«
Eine gewisse Zeit später: Kescher, Bad, Porzellan, Spülung.