Marcel Stawinoga
Des Handelns Kette Ende
Lieferung Nummer acht,
Weißeritzstraße 3.
Quester, zweite Klingel von oben.
»Ja bitte?«
»Ihre Pizza!«
Zweite Etage, linke Tür: Geschlossen.
Namensschild: Quester.
Er klopfte; wartete; eine junge Dame öffnete ihm.
Füße,
Schenkel,
Bauch,
Brust,
Gesicht.
Majestätisch,
göttlich,
märchenhaft,
mythisch,
engelgleich.
»Hallo.« grüßte die junge Dame.
»Hi.« erwiderte er rasch und beobachtete wie sich ihre Lippen zu einem bezaubernden Lächeln formten. Fasziniert schaute er drein.
Einen kurzen Augenblick schien auch sie angetan, dann schier verwundert, schließlich verlegen: »Kommen Sie rein.«
Er betrat die Wohnung, schloss die Tür und folgte der jungen Dame.
Po.
Legendär.
In einem großen Raum blieb sie stehen. Auch er machte Halt.
Rechts: Tisch.
»Wo habe ich denn bloß mein Portemonnaie?« sprach die junge Dame und sah sich um.
Er stellte seine Thermobox auf den Tisch; sein Blick fiel auf eine Zigarettenschachtel.
Es war ihr nicht möglich den Blick von der Zigarettenschachtel abzuwenden.
In ihr wurde ein Kampf ausgetragen. Während einerseits die wütenden Horden der Begierde durch ihren Körper zogen, standen diesen die edlen Ritter der Disziplin gegenüber.
Doch dann kam ein Moment, in welchem das Böse die Oberhand gewann und Besitz von ihr ergriff.
Ihre Hand schwebte langsam über den Tisch. Bis hin zu ihrem Ziel, dem Objekt, welches ihren Körper spaltete.
Sie hob die Schachtel an und umklammerte diese, als es mit einem Mal an der Tür klingelte.
Das Böse zog sich zurück, doch verschwand nicht gänzlich.
Die Zigarettenschachtel fiel auf den Tisch.
Sie eilte zur Tür und drückte den Knopf der Gegensprechanlage.
»Ja bitte?«
»Ihre Pizza!« ertönte eine Stimme am anderen Ende der Leitung.
Sie betätigte den Türöffner und hastete in ihr Schlafzimmer.
Ihr Blick wanderte durch den Raum, auf einer Hose verweilte er. Diese Hose anziehend begab sie sich stolpernd zur Wohnungstür, als sie bereits das erwartete Klopfen vernahm.
Sie öffnete die Tür und stand nun einem jungen Mann gegenüber.
Welch schöne Augen er doch hatte. Grün wie das Gras einer Frühlingswiese. Friedlich, nein ansprechend, vielleicht gar vertraut wirkte er auf sie.
»Hallo.« begrüßte sie den jungen Mann und versuchte ein nettes Lächeln aufzulegen.
»Hi.« antwortete er und betrachtete sie seltsam. Unsicher sah sie ihn an. Denn diesem Blick ausgesetzt fühlte sie sich unwohl. Kurz wartete sie, dann beendete sie diesen Moment. »Kommen Sie rein.« bat sie ihn und schritt in Richtung ihres Wohnzimmers.
Dort angekommen sah sie sich um. Sie suchte ihre Geldbörse. Doch diese war nirgend zu sehen.
»Wo habe ich denn bloß mein Portemonnaie?« sprach sie, während ihre Augen den Raum weiter durchforsteten.
Weißeritzstraße 3,
Quester.
Er presste solange den Klingelknopf bis er das Summen des Türöffners vernahm. Vier Treppenabschnitte, bis in die zweite Etage hinauf, wuchtete er seinen schweren Koffer. Dort erwartete ihn ein junger Mann. „Power Pizza“ stand in schwarzer Schrift auf seinem hellblauen T-Shirt. Ein Pizzabote also. Ihm stellte er die entscheidende, dennoch rhetorische Frage: »Haben Sie mich gerufen?«
»Ja.« gab er zur Antwort. »Folgen Sie mir bitte.«
Er befolgte dieser Anweisung, betrat die Wohnung und schloss hinter sich die Tür.
Der Pizzalieferant führte ihn in einen großen Raum. Dieser schien Wohn-, Esszimmer und Küche in einem zu sein. Rechts befand sich eine Couchgruppe mit Tisch, links eine Küchentheke mit Hockern und dahinter eine Küchennische. Dort, im Küchenbereich, stand eine junge Frau. Die Hände umhüllten Nase und Mund, während die Zeigefinger auf den Tränendrüsen lagen.
Er stellte seinen schweren Koffer auf den Boden. »Wo ist es?«
»Da!« schluchzte sie und deutete auf die Küchentheke.
Die Rückwand der Theke versperrte ihm die Sicht, so lief er um diese herum.
Jetzt sah er es. Es lag auf dem Bauch, mit dem Gesicht nach unten. Ein friedlicher Anblick, als würde es schlafen.
Er streckte seinen Arm aus und berührte es.
Kälte, eisige Kälte.
»Was ist?« ertönte eine zornige Stimme von links. »Fangen Sie endlich an! Tun Sie etwas!« Der Pizzabote hatte das Wort ergriffen.
Er zog seine Hand zurück und betrachtete den Aufmüpfigen.
Zweifelnd: »Sind Sie der Vater?«
»Nein.«
Zynisch: »Sind Sie ihr Freund?«
»Nein.«
Er blickte auf die Thermobox, warf dann wütend hinüber: »Dann nimm deine Pizzabox und verschwinde!«
Der Pizzalieferant war sichtlich irritiert und brachte lediglich ein unsicheres »Was?« über die Lippen.
»Komm’, ich hab’ jetzt keinen Bock darauf! Verpiss Dich! Raus mit Dir!«
Mit diesen Worten hatte er offensichtlich das seelische Gleichgewicht des Pizzaboten gestört und ihm die Tür gewiesen. Denn dieser schien nicht zu wissen, wie ihm geschah. Er reagierte nicht, starrte bloß, ohne dabei ein Wort zu verlieren, ehe er sich über den Tisch beugte, die Thermobox unter den Arm nahm und das Weite suchte.
Nachdem der Pizzalieferant verschwunden war und das Geräusch der einrastenden Tür erklang, wandte er sich der jungen Frau zu. »Es tut mir Leid.« sprach er. »Ich kann nichts mehr tun. Es ist tot.«
»Nein!« schrie sie auf, während ihre Hände ihr Gesicht verließen und nach unten wanderten. Er sah wie Tränen ihren Wangen hinunterliefen. Es waren nicht die ersten, denn nahezu ihr gesamtes Gesicht war von Händen verwischten Tränen bedeckt.
»Ich muss die Polizei benachrichtigen.« versuchte er einfühlsam zu vermitteln.
Fragend sah sie ihn an.
»Das ist meine Pflicht. Außerdem muss eine Sektion durchgeführt werden. Dies bedeutet wir müssen es öffnen.«
»Warum?« wimmerte sie erschrocken. Gleich aus einer unerschöpflichen Quelle liefen noch immer Tränen ihren Wangen hinunter.
»Auch dies ist meine Pflicht. Es ist der einzige Weg herauszufinden, woran es gestorben ist.«
Sie lief zum Tisch. Wohl etwas suchend, doch sowohl auf als auch unter dem Tisch wurde ihr kein ersichtlicher Erfolg gewährt.
Nach einer kurzen Phase des Suchens sah sie ihn mit verwundertem Blick an: »Haben Sie eine Zigarette? Ich kann meine Schachtel nicht finden.«